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Weihnachten stinkt!

von Graf von Thaler

Alle Jahre wieder ...
Es stinkt sogar gewaltig! Und damit meine ich nicht nur die olfaktorischen Belästigungen, wie zum Beispiel den Gestank von anfrierendem Pipi und erbrochenem Glühwein, der wie der Brokatvorhang der Kaaba in Mekka über den Weihnachtsmärkten der Republik liegt. Nein, auch im metaphorischem Sinne beleidigt die vorweihnachtliche Stimmung Nase und Gemüt. Selbst der Einkauf von nicht-feiertagsrelevanten Dingen gerät schnell zum wahren Horrortrip. Auf den Straßen und in den Geschäften herrscht rege Betriebsamkeit und Hektik. In dieser stressigen Zeit reagieren viele Menschen auf die kleinen Ärgernisse des Alltags meist recht ungehalten. So auch ich …

Mittwoch, 19. Dezember – 15:30 Uhr:
Bedauerlicherweise muss ich feststellen, dass wieder mal eine meiner Computertastaturen ihren Dienst quittiert hat. Ihr hastiger Genuss einer ¼ Tasse „family Cappuccino“ aus dem Hause Moreno war wohl der Anlass dafür. Einige Tasten hängen. Was säuft das blöde Ding auch immer diese ungesunden Heißgetränke? Da ich aber kein Eingabegerät mehr auf Reserve habe, fasse ich den Entschluss mir noch heute ein neues Exemplar zu gönnen.

Mittwoch, 19. Dezember – 17:05 Uhr:
Nachdem ich noch ein paar andere Wege erledigt habe (und dabei in einem Geschäft versehentlich einem Hartplastikschild zur einzigartigen Erfahrung des freien Falls verholfen und es dabei kleinteilig zerlegt habe), stehe ich nun vor dem Parkhaus der Kurfürsten-Galerie. Die Anzeigetafel informiert mich darüber, dass noch 23 freie Parkplätze zur Verfügung stehen. Ich freue mich.

Mittwoch, 19. Dezember – 17:09 Uhr:
Mmmh. Im ersten Parkdeck ist absolut nichts frei. Ich fahre eine Etage tiefer, denn irgendwo müssen sich die angekündigten 23 Parkplätze doch verstecken. Oder kann es sein, dass man die (analog zu den 72 Jungfrauen) erst dann bekommt, wenn man einen Märtyrertod für den verkaufsoffenen Sonntag gestorben ist?

Mittwoch, 19.Dezember – 17:16 Uhr:
Es gibt definitiv auf keiner Etage freie Parkplätze. Is' aber nicht schlimm, denn Ich könnte eh nicht hinfahren, da schon seit einigen Minuten vor mir fünfzig Autos stehen(!) und hinter mir die Schlange auch allmählich länger wird. Ich bin verdammtnochmal eingekeilt – nichts bewegt sich.

Mittwoch, 19. Dezember – 17:23 Uhr:
Ich habe die Parkplatzsuche aufgegeben und will nur noch hier raus! Millimeter für Millimeter bewege ich mich in Richtung Ausfahrt. Auf der richtigen Spur angekommen, wird mir schlecht. Auch hier bewegt sich so gut wie nix.

Mittwoch, 19. Dezember – 17:29 Uhr:
Langsam werde ich krümelig im Kopp, was auch kein Wunder ist, weil ich mittlerweile schon fast eine halbe Stunde mit geöffnetem Fenster durch diese Abgashölle rolle. Aber immerhin bin ich jetzt an der Schranke zur Ausfahrt. Ich schiebe mein unbenutztes Parkticket in die dafür vorgesehene Öffnung des Schrankenautomaten, welcher sich artig mit einem „Parkzeit überschritten!“ dafür bedankt. Waaaas? Ich bin doch noch nichtmal aus dem Auto ausgestiegen!?! Das Gerät spuckt das verschmähte Stück Pappe jetzt genüßlich wieder aus, was ein bisschen so wirkt, als wolle es mir die Zunge herausstrecken. Hinter mir warten ca. 8 Milliarden andere Fahrzeuglenker. Ich drücke den Service-Knopf des Blechkastens …

Mann im Automat: “Knrzrz … Guten Tag. Was …..knrztz.“

Ich: “Äh, ja!? Hallo! Die Schranke hier geht nicht hoch. Ich hab aber gar nicht parken können, weil hier keine freien Plätze mehr sind.“

Mann im Automat: „Bitte stecken Sie doch nochmal Ihr … knister …Gerät … pfrrt … Problem.“

Ich folge der vermuteten Anweisung und schiebe erneut den Papierstreifen in den Leseschlitz.

Mann im Automat: „Knrrrz … Ihre Parkzeit ist überschritten. Haben Sie denn nicht bezahlt?“

Ich: “ICH HABE JA NOCH NICHTMAL GEPARKT! Hier unten ist S-T-A-U! Ich will einfach nur wieder RAUS-FAH-REN!“

Mann im Automat: „Knrpfrz!“

Die Frau im Wagen hinter mir brüllt nun auch in Richtung des Automaten: „WIR STEHEN HIER SCHON MINDESTENS 15 MINUTEN!“

Mann im Automat: „Knister … Aber …knrpfrz!“

Irgendwo weiter hinten in der Schlange wird gehupt. Sonst passiert nichts. Ich betätige stakkatoartig den Service-Button.

Ich: „VERDAMMTE SCHEISSEEEE! MACH DIE FICKENDE SCHRANKE HOCH, DU HEINI! SONST REISS' ICH SIE AUS DEM FUSSBOOOOOODEN! ICH WILL NUR RAAAAAAUS! ICH HABE NICHT GEPAAAAAAARKT!“

Ich lausche dem Nachhall meiner Forderung (feine Akustik hat so ein Parkhaus) und beschließe dann meinem Anliegen Nachdruck zu verleihen, indem ich den Automaten mit einer Serie von Fausthieben eindecke.

Mann im Automat: „Pfrrrtt … KNISTER!“

Mir steht kalter Schweiß auf der Stirn und meine Stirnader pocht. Dann endlich hebt sich die Schranke. Der Mann im Automat will wohl noch etwas sagen, was aber im Lärm der aufheulenden Motoren untergeht. Zum Abschied schmeiße ich dem Automatenmann noch mein zerknülltes Ticket ans Gehäuse.

Weil es ein wenig dauert, sich wieder in den Verkehr einzufädeln, kann ich im Rückspiegel beobachten, dass es wohl auch mit den nachfolgenden „Parkern“ ein paar Probleme gibt.

Mittwoch, 19.Dezember – 17:47 Uhr:
In einer Seitenstraße lenke ich mein Gefährt auf einen freien Anwohnerparkplatz. Sind wir denn nicht irgendwie alle Anwohner auf diesem Erdenball, der seit Ewigkeiten durchs Universum rast (und der das wahrscheinlich nur tut, weil er keinen Parkplatz findet)? Ich steige aus, halte aber nach wenigen Schritten inne, weil ich am anderen Ende der Straße eine Gestalt sehe, die neugierig durch die Frontscheiben der geparkten PKW schaut und dabei mit dem rechten Arm Schreibbewegungen vollzieht. Eiligen Schrittes betrete ich wieder die Fahrgastzelle meines Automobils und fahre (wahrscheinlich mit sehr leerem Blick) wieder heim. Vielleicht bestelle ich mein Keyboard lieber wieder bei Christian …

Und das war nur ein(!) Grund, warum ich die Weihnachtszeit nicht leiden kann.

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