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Europäischer Gerichtshof

von Graf von Thaler

Viel Platz für neue Zeichen
Was waren das für selige Zeiten, in denen man schon für kleines Geld den großen Nikotingenuss erwerben konnte. Richtig - ich rede von den geliebten Steckis, Sticks oder auch Stix. Man brauchte kein besonderes Werkzeug, um sie in einen rauchfertigen Zustand zu bringen. Schon ein dünner Ast oder eine Autoantenne reichten vollkommen aus.
Dann ist irgendwann dem Europäischen Gerichtshof aufgefallen, dass diese Dinger ja irgendwie auch Zigaretten sind (huch!) und entsprechend versteuert werden müssen. Das war der Anfang vom Ende. Mittlerweile ist es schon schwierig geworden überhaupt noch Steckis zu bekommen und teurer sind sie jetzt natürlich auch.

Der Tabakindustrie ist aber sofort eine Antwort auf den Bürokratenschwachsinn eingefallen: "Beleben wir doch einfach wieder diesen Stopfscheiss der 70er und 80er!". Und schon wurde man mit Werbeversprechen der Marke "XY-Sticks gehen, aber der XY-Genuss bleibt" auf die ach-so-neue Variante hingewiesen. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass Marketing-Menschen die sich sowas einfallen lassen, bei mir das gleiche Ansehen genießen wie Auschwitz-Leugner und Vergewaltiger. Es handelt sich nämlich hierbei nicht um sinnfreie aber harmlose Werbesprüche, sondern um pure Häme und Volksverhetzung. Ehrlich, da bin ich fest von überzeugt.
Durch den Erwerb zweier Dosen "PALLMALL Stix Tabak" nebst zugehöriger Stopfmaschine aus dem Hause "WEST" wurde ich nämlich schmerzlich daran erinnert, warum irgendwann keiner mehr diesen Unsinn haben wollte. Die Dose, die aussieht als würde sie satte 200g feinsten Tabaks beherbergen, ist in Wirklichkeit lediglich mit mageren 70g aufgeflufften Rauchwerks gefüllt. Wer schonmal beherzt mit der Faust in eine solche Dose gedrückt hat, wird sogar das angebliche Füllgewicht von 70g anzweifeln. Egal - das Hauptproblem ist ein anderes. Durch empirische Beobachtungen (im Selbstversuch) habe ich nämlich herausgefunden, dass man genau 7 makellose Kippen auf diese Weise zustande bringen kann. Danach geht es steil bergab. Ist der Tabak erstmal trocken (nach wenigen Stunden) und hat man sich bis zur Krümelschicht der Dose vorgearbeitet (0.7 cm unterhalb der einstigen Tabak-Oberfläche), so kann man nur noch zwei Sorten Zigaretten damit produzieren:
  1. Die Inkontinente: Sie dankt einem den Versuch, nicht zu fest zu stopfen, mit dem ständigen Herausrieseln des teuren Tabaks. Der Lebensabschnittsgefährte des Rauchers kann auf diese Weise zweifelsfrei feststellen in welchen Räumlichkeiten in seiner Abwesenheit verkehrt wurde (vgl. Hänsel und Gretel). Dies gilt aber nur für die Zeit vor(!) dem Anzünden der Inkontinenten. Danach verliert sie nämlich ständig ihre Glut, versaut Fußböden oder Klamotten und der Raucher hat schon bald keinen Lebensabschnittsgefährten mehr. Nicht jeder reagiert mit soviel Humor auf Brandlöcher im Haustier, wie ein Raucher.
  2. Die Imarschene: Sie entsteht vor allem aus einer Vermeidungshaltung gegenüber der Inkontinenten und ist nur selten rauchbar. Um das Rieseln und den Glutverlust zu vermeiden, steckt man ein wenig zuviel der trockenen Krümel in das Fertigungsgerät. Ritsch-Ratsch – schon liegt der Tabak wieder auf dem Tisch und die Hülse ist (wie der Name schon sagt) im Arsch.
Was mich aber letztlich dazu bewogen hat mit dem Rauchen aufzuhören (reiner Protest), war das Schlüsselerlebnis von heute mittag. Folgende Situation:

Heimkehr von einem Termin. Ich war etwas müde und versuchte dies mit einem Instant-Eiskaffee und einem Zigarettchen zu kompensieren. Mit den Wachmachern am Schreibtisch angekommen, stieß ich versehentlich die mit Tabakkrümeln gefüllte Dose vom Schreibtisch, deren Inhalt sich auch sofort über den Fussboden verteilte. Da ich mir bereits eine "Gestopfte" angezündet hatte, legte ich diese in den Aschenbecher, um das Chaos auf dem Boden besser begutachten zu können. Beim Weg von der Hand in den Kippenparkplatz muss sich wohl mal wieder ein wenig Glut gelöst haben, denn als ich mit Kehrblech und Besen bewaffnet erneut den Raum betrat, roch es schon so komisch nach Kunststoff. Ich setzte mich wieder an den Schreibtisch um die Quelle des beißenden Gestanks ausfindig zu machen – konnte sie aber zunächst nicht entdecken. Als ich nach einer Weile bemerkte, dass sich ein dünner Rauchfaden aus Richtung meiner Computertastur (zwischen dem A und dem Q) in die Luft schlängelte, wollte ich sofort handeln und stülpte das Keyboard um. Das war sicherlich nicht meine beste Idee heute, denn ein kleiner Glutball rollte erst über den Schreibtisch, dann auf den Linoleum-Fußboden meines Arbeitszimmers und hinterließ dort ein kleines Brandloch. Das Loch in der Tastatur war allerdings stattlicher. Ich will mal so sagen: Falls ein Forscher zufällig entdeckt, dass es noch einen weiteren Buchstaben in unserem Alphabet gibt, den wir nur schon lange vergessen haben – ich hätt' jetzt Platz dafür *lol*
Da ich statt einer zukunftssicheren Tastatur aber dringender ein funktionierende brauchte, begann ich umgehend mit der Verkabelung eines Ersatzexemplars. Dabei hab' ich mich dann wohl auch nicht besonders geschickt angestellt. Das Resultat meines Kabelgezerres war nämlich, dass mein immernoch jungfräulicher Eiskaffee umkippte und seine Reise über meinen Schreibtisch begann. Es muss wohl eine sehr interessante Route gewesen sein, denn sie verlief durch meine Unterlagen über den Schreibtisch, die Eiskaffeefälle hinunter auf meine Hose und den Stuhl, bis hin zum Tabakkrümelmassiv auf dem Fußboden. Scheisse, den wollte ich ja eigentlich zuerst beseitigen. Mist! Auf dem Boden sah es mittlerweile aus, als hätte man eine trächtige Stracciatella-Kuh notgeschlachtet. Der einzige Gedanke, der mir noch durch den Kopf schoß, war: "Ich muss Notfallklopapier holen. ICH MUSS NOTFALLKLOPAPIER HOLEN!". Über und über voller Kaffee verließ ich das Zimmer in Richtung Bad. Bei der Rückkehr musste ich feststellen, dass ich nicht nur die Kaffeetropfen aus meinen Klamotten auf dem Weg verteilt hatte, sondern auch versehentlich durch den Kaffee-/Tabak-Schlamm gelatscht bin. Ein Blick auf die Uhr. In einer halben Stunde kommt Nicole heim.

Ich bin mir nicht mehr sicher was zuerst kam. Mein hysterisches Gelächter, das einen nahenden Nervenzusammenbruch ankündigen wollte, oder mein Entschluss das Rauchen aufzugeben. SCHULD an dem ganzen Mist war aber einzig und allein der Europäische Gerichtshof.

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